Bericht: Skitour Haute Route 2.0 – Tag 3

Es war noch dunkel, als wir uns entschieden aufzustehen. Der Wetterbericht sagte ab heute schlechteres Wetter, wobei unsere letzten Infos schon drei Tage alt waren. Während meiner zahlreichen nächtlichen Wachphasen war der Himmel sternenklar. Jetzt waren die ersten Wolken aufgezogen und sogar ein paar Flocken fielen vom Himmel. Beim Frühstück renkten sich die Gelenke langsam wieder ein, die Hüftknochen spürte ich jedoch noch ein paar Tage. Mit dem ersten Tageslicht machten wir uns auf den Weg zu unserem Tagesziel am Refuge des Bouquetins. Dort würde es Handyempfang haben und der Plan war, einen aktuellen Wetterbericht zu bekommen und dann die weitere Tour zu planen.

Entlang unserer Aufstiegsspur vom Vortag rutschten wir in den Talgrund und fellten auf. Wir folgten dem Lauf des Drance de Bagnes, der sich durch ein kleines Tal schlängelte. Neben einer Staumauer entdeckten wir einen Stollen, der weit in den Berg ging und für ein Biwak auch geeignet wäre. Der sandige Boden wäre auf jeden Fall weicher gewesen, als der Fußboden in der Chanrion.

Einen Kilometer nach der Staumauer erreichten wir nun den Otemmagletscher und der Petit Mont Collon (3556m) baute sich vor uns auf. Linker Hand zeigte sich langsam der Pigne d´Arolla (3796m), der höchste Punkt unserer ersten Haute Route. Schier endlos lang und flach zog sich der Otemmagletscher dahin, bis wir endlich nach rechts auf den Glacier du Petit Mont Collon abbiegen durften. Viel steiler wurde es noch immer nicht, doch wussten wir, dass uns mit dem Col du Petit Mont Collon und dem folgenden Col d´Evéque noch zwei ordentliche Anstiege erwarteten. Wie eine Mauer türmten sich die letzten 200 Höhenmeter vor uns auf. Aus einiger Entfernung konnte man sich kaum vorstellen, dass dieses Hindernis zu überwinden sei. Der Track zeigte auf die linke Seite, doch dort befand sich eine Wechte mit geschätzt 60 Grad. Wir entschieden uns für die rechte Seite und damit für einen Weg an Gletscherspalten vorbei, in die vermutlich ganze Häuser gepasst hätten. Bei mehr Schnee (oder vielleicht auch generell) mag es vielleicht sinnvoller sein, den kurzen Umweg um den Petit Mont Collon zu nehmen, um über den Glacier d´Arolla von Nordwest auf das Col d´Evéque zu gehen.

Seis drum, als wir dann auf dem Col du Petit Mont Collon waren, wehte es recht heftig. Wir querten möglichst hoch hinüber, um die letzten Meter zum Col d´Evéque hinter uns zu bringen. Wir waren nun wieder in unserer Spur von vor drei Jahren und ich freute mich schon auf die Abfahrt und das Essen auf dem Refuge des Bouquetins. Das Abfellen passierte in Schnelldurchgang, der Wind blies wirklich übel. Föhnsturm, wie angesagt? Die richtige Abfahrtsspur zu finden war dann nicht ganz ohne. Viele kleine Spalten versperrten uns den Weg. Komplett apere Stellen, wo wir vor drei Jahren auf meterhohen Schnee abgefahren waren. Teilweise rutschten wir über blankes Gletschereis – und das im Hochwinter.

Auf Höhe des Refuge des Bouquetins dann die Entscheidung, abzubrechen. Zwar war der Himmel fast wolkenlos, aber der Wetterbericht hatte ja genau das angesagt, was dann später auch kam. Sturm und jede Menge Neuschnee. Statt zum Refuge des Bouquetins fuhren wir also über den Gletscher nach Arolla ab. Natürlich verfransten wir uns bei der Abfahrt und landeten nach einer Tragepassage auf dem Sommerweg weiter oberhalb des ehemaligen Gletscherbeckens. Wo wir falsch abgebogen waren wussten wir, aber nochmal aufsteigen wollten wir dann wirklich nicht. Entgegen der Vernunft stiegen wir in eine Rinne ein, die augenscheinlich zum Gletscherbecken führte. Zum Glück war die Oberfläche bis auf eine kurze Passage weich und wir kamen sicher nach unten.

Bis zum Beginn der Fahrstraße rutschten wir anschließend gemütlich durch den Talgrund. Nach einer kurzen Tragepassage kamen wir just in time an der Bushaltestelle an. Auch mit den weiteren Verbindungen hatten wir ein Riesenglück. Wir bekamen jeweils die letzte Mitfahrgelegenheit des Tages und erreichten Bourg St. Pierre pünktlich zum Abendessen.

Fazit: Auch wenn wir auf der Chanrion einen Reinfall erlebten und die Tour vorzeitig beenden mussten, für mich gibt es keine Alternative zur Winterraumbegehung. Wir haben zwischen Bourg St. Pierre und Arolla nicht einen Menschen getroffen. Diese Ruhe und das Gefühl, die Berge für sich allein zu haben, war echt himmlisch. Unser Minimalziel haben wir auch erreicht und genau den Teil nachgeholt, der uns vor drei Jahren verwehrt blieb.

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